Ein weiter Weg zur Augenoperation
Esther Holsten, CDO und Mitglied im erweiterten Vorstand der EinDollarBrille, berichtet von ihrem Besuch im Programmland Malawi im September 2026. Ihr letzter Termin auf dieser Reise führt sie ins Queen Elizabeth Central Hospital in Blantyre. Vor Ort erlebt sie, welche Opfer Familien bringen müssen, um ihren Kindern eine Augenoperation zu ermöglichen.
Sieben Stunden unterwegs
Wir brechen ohne Frühstück auf. Nach zwei Stunden halten wir an einer Tankstelle, um etwas zu essen zu kaufen. Am Straßenrand sind Tomaten, Kartoffeln und Fisch sorgfältig aufgebaut. Unterwegs sehe ich Kinder mit einem Behälter auf dem Kopf auf dem Weg zur Wasserpumpe.
Mein Fahrer Peter Isaley von GoodVision Malawi ist so viel mehr als nur ein Fahrer: Er kümmert sich darum, dass wir sicher von A nach B kommen. Er kann das Auto reparieren, ist mein Dolmetscher und unterstützt mich dabei, vor Ort Fotos machen zu können.
Wegen Baustellen, Menschen auf der Straße und unseres Stopps kommen wir erst nach sieben Stunden in Blantyre an. Unser Termin ist da schon vorbei. Er wird kurzerhand auf den nächsten Morgen verschoben.

Entfernungen, die auf der Karte machbar aussehen, können sich in echte Abenteuer verwandeln.
Was der Weg für Familien bedeutet
Das Queen Elizabeth Central Hospital ist eine wichtige Anlaufstelle für die Menschen im Süden Malawis. Viele Operationen werden in kleineren Außenstellen durchgeführt. Für Augenoperationen bei Kindern müssen Familien jedoch nach Blantyre reisen. Nach den Informationen, die ich vor Ort erhalte, gibt es in Malawi nur zwei Ärztinnen, die auf solche Operationen spezialisiert sind. Dr. Esther Sanga Misanjo leitet die Augenabteilung des Queen Elizabeth Central Hospitals und verfügt dort über einen OP-Saal. Die zweite Spezialistin ist in Lilongwe tätig, verfügt dort jedoch nicht über einen eigenen OP-Saal. Das nötige medizinische Personal für die Narkose gibt es nur in Blantyre.
Die Reise kann für eine Familie sieben bis zehn Stunden dauern. Die Mutter fehlt dann zu Hause. Dazu kommen die Reisekosten, die für Familien, die weniger als einen US-Dollar am Tag verdienen, kaum zu stemmen sind. Manche Untersuchungen können nur einmal pro Woche stattfinden, da sich die Krankenhäuser die Geräte teilen. Wenn eine Mutter mit ihrem Kind zu spät kommt, muss sie unter Umständen eine Woche warten.
Auch die Bedingungen im Krankenhaus sind herausfordernd. Auf der Kinderstation gibt es kaum Matratzen, die Toiletten funktionieren nicht und es gibt Medikamentenengpässe. Mir wurde berichtet, dass manchmal zwei Patienten gleichzeitig in einem OP-Saal operiert werden.
GoodVision Malawi ist ein wichtiger Partner vor Ort. Das Team führt Sehtests durch, klärt Familien auf, identifiziert Kinder, die eine Operation benötigen, und stellt den Kontakt her.
Als ich Dr. Sanga frage, was am meisten helfen würde, nennt sie Renovierungsarbeiten. Während des Rundgangs zeigt sie mir kaputte Fliesen, Wände und Toiletten. Eine Liste mit benötigtem Equipment hat sie bereits vorbereitet. Ihr wurde geraten, diese Liste immer bei sich zu haben, für den Fall, dass jemand danach fragt. Diesmal bin ich diese Person.
Auch die Rückfahrt verläuft anders als geplant
Auf der Rückfahrt spreche ich mit Marc Zedler, dem Programmleiter von GoodVision Malawi, über unterschiedliche Unterstützungsmodelle für das Krankenhaus, die möglichst viel Selbsthilfe ermöglichen. Doch unser Auto zieht nicht mehr richtig. Peter tauscht mitten auf der Strecke die Zündkerzen aus. Während wir warten, kommen fünf Jungen vorbei und bieten uns gebratenes Hähnchen und gegrillte Mäuse an.
Etwa 40 Minuten später macht die Einspritzpumpe Probleme. Wir halten in einem Dorf. Peter besorgt Ersatzteile und organisiert einen Mechaniker, der das Auto repariert. Es ist 16 Uhr, es wird dunkel, und wir wissen nicht, ob wir noch am selben Abend zurückkommen.
Eigentlich wollten wir mit dem Team zu Abend essen. Violet Gladzon, Köchin bei GoodVision Malawi, kocht jeden Tag für das Team. Manchmal sind ihre Mahlzeiten für unser Team die einzigen am Tag, damit wir unterwegs Geld sparen können. An diesem Abend fällt das Essen aus, weil wir zu spät kommen. Enttäuscht ist niemand.
Was bleibt?
Dieser Besuch hat mir gezeigt, wie viel es braucht, damit ein Kind in Malawi augenmedizinisch versorgt werden kann. Und was GoodVision Malawi bereits dafür tut. Das Team ist vor Ort, führt Sehtests durch, klärt auf und stellt den Kontakt her. Ohne diesen würden viele Familien den Weg nach Blantyre nie finden.
Was mich zusätzlich beeindruckt hat: GoodVision Malawi hat die Zahl der verteilten Brillen innerhalb eines Jahres mehr als verdoppelt – mit demselben Budget. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Es ist das Ergebnis von Menschen, die ihr Land kennen, die nicht aufgeben, wenn etwas nicht funktioniert, und die jeden Tag neu herausfinden, wie sie mehr Menschen erreichen können. Ich bin froh, dass wir gemeinsam unterwegs sind.

Nachhaltiger Impact entsteht nicht, wenn man fertige Lösungen aus Europa mitbringt und versucht, sie irgendwie passend zu machen.









