Ein weiter Weg zur Augenoperation
Esther Holsten, Mitglied im erweiterten Vorstand der EinDollarBrille, berichtet von ihrem Besuch im Programmland Malawi im September 2026. Ihr letzter Termin auf dieser Reise führt sie ins Queen Elizabeth Central Hospital in Blantyre. Vor Ort erlebt sie, welche Opfer Familien bringen müssen, um ihren Kindern eine Augenoperation zu ermöglichen.
Der lange Weg nach Blantyre
Sechs Uhr morgens. Der Wagen wirbelt den roten Staub der Straße auf, der sich sofort auf die Atemwege legt – bloß die Fenster geschlossen halten.
Wir sind unterwegs auf dem Highway M1 von Lilongwe, der Hauptstadt Malawis nach Blantyre, der zweitgrößten Stadt und dem Wirtschaftszentrum des Landes. Kinder ziehen an uns vorbei. Mit ihren Gefäßen auf dem Kopf sind sie auf dem Weg zum nächsten Brunnen. Am Straßenrand bieten Händler ihre Waren an: sorgfältig aufgereiht und kunstvoll gestapelt liegen dort Tomaten, Kartoffeln und gedörrter Fisch.
Etwas über 300 Kilometer haben wir vor uns. Vier Stunden Fahrtzeit sagt das Navi, sechs Stunden haben wir – mit Pause, Ziegen auf der Fahrbahn und Straßenbaumaßnahmen eingeplant. Jedoch nicht, dass wir von Streckenposten der Polizei aufgehalten werden. Am Ende sollen es sieben Stunden werden. Den Termin müssen wir auf den nächsten Tag verschieben.
In Blantyre sind wir verabredet mit Dr. Esther Sanga Misanjo, einer der führenden Kapazitäten im Bereich der Augenheilkunde in Malawi.
Ich bin unterwegs mit Marc Zedler, Programmleiter von GoodVision Malawi und Peter Isaley, Fahrer bei GoodVision und für uns auf dieser Reise so viel mehr: Er übernimmt die Verhandlung mit den Polizisten, erläutert mir die kulturellen Eigenheiten und dolmetscht in Gesprächen mit den Menschen, die tief aus dem Hinterland in unsere Augencamps kommen. Denn auch wenn Englisch die Amtssprache ist, verlassen gerade in ländlichen Regionen viele die Schule, bevor sie sie richtig gelernt haben.
Hier muss man Chichewa können, die im Alltag am weitesten verbreitete Sprache in Malawi.

Entfernungen, die auf der Karte machbar aussehen, können sich in echte Abenteuer verwandeln und teuer sind sie auch. Der Dieselpreis ist vergleichbar mit Deutschland und liegt auch schon mal bei 3€ per Liter.
Was der Weg für Familien bedeutet
Dr. Misanjo nimmt uns am nächsten Morgen in der Augenklinik des staatlichen Queen Elizabeth Central Hospitals in Empfang.
Die Augenklinik ist die zentrale Anlaufstelle für die Menschen im Süden Malawis. Gerade in der Kinderaugenheilkunde ist das Queen Elizabeth Central Hospital führend in ganz Malawi.
Dr. Misanjo erzählt, dass es neben ihr nur noch eine weitere Ärztin gibt, die die komplizierten Augenoperationen an Kindern überhaupt durchführen kann. Sie sei in Lilongwe tätig, aber dort stehe ihr weder der passende OP-Saal noch das nötige medizinische Personal für die risikoreiche Narkose zur Verfügung. Das gebe es nur hier in Blantyre.
Das heißt: Jedes Kind in Malawi, das am Auge operiert werden muss, muss nach Blantyre. Für Familien aus den ländlich-entlegenen Gegenden bedeutet das eine weite beschwerliche Anreise, die zudem mit Kosten verbunden ist. Für Angehörige, die zu Hause eigentlich unentbehrlich sind und teils weniger als einen Dollar am Tag verdienen, ist das schwer zu stemmen.
Und da sich das Hospital einige Untersuchungsgeräte mit anderen Krankenhäusern teilt, finden bestimmte Untersuchungen nur einmal pro Woche statt. Ein verpasster Termin bedeutet eine Woche Wartezeit - und für eine Mutter mit ihrem Kind unter Umständen, dass sie unverrichteter Dinge wieder abreisen muss. Eine Reise die sie sich vielleicht nur ein einziges Mal leisten konnte. Wie unberechenbar eine solche Anreise sein kann, haben wir ja gerade selbst erleben müssen, trotz eigenem Auto und Peter.
Wo GoodVision hilft und was noch fehlt
GoodVision fungiert hier als ein wichtiger Partner. Das Team fährt in die Dörfer, führt Sehtests vor Ort durch, klärt Familien auf, identifiziert Kinder, die eine Operation benötigen, und stellt den Kontakt zur Klinik her.
Ich frage Dr. Misanjo, was ihre Klinik am dringendsten braucht. Ihre überraschende Antwort: Eine Renovierung. Bei einem Rundgang durch die Klinik wird klar, was sie meint: Toiletten sind kaputt, Fliesen und Wände beschädigt, und auf der Kinderstation fehlen Matratzen. Auch ein frischer Anstrich würde der 2005 errichteten Augenklinik guttun. Denn nur mit repräsentativem Anblick und bester Ausstattung kommen auch die wohlhabenden Malawier und lassen sich hier behandeln - wichtige Einnahmen für die unterfinanzierte Klinik.
Eine Liste mit dringend benötigtem Equipment hat Dr. Misanjo vorbereitet. Ihr sei geraten worden, diese Liste immer bei sich zu haben. Für den Fall, dass mal jemand danach fragt, sagt sie schmunzelnd. Heute bin ich diese Person.
Zündkerzen, Mäuse und eine Benzinpumpe
Mit ziemlich vielen Eindrücken treten wir die Heimreise an. Marc und ich gehen gleich unterschiedliche Unterstützungsmodelle für die Klinik durch. Doch wir kommen nicht weit. Mitten auf der Strecke fängt der Wagen an zu stottern und wir bleiben stehen. Sofort bekommen wir Besuch von fünf Jungen, die am Straßenrand ihre gebratenen Hähnchen und gegrillten Mäuse an Stöckern zum Verkauf anbieten. Neugierig beobachten sie Peter, wie er, bestens vorbereitet, ein paar Zündkerzen austauscht. Und weiter gehts.
Doch nach kurzem Hoffnungsschimmer stehen wir wieder. Dieses Mal zum Glück in einer größeren Ortschaft. Es nützt nichts, die Benzinpumpe ist kaputt. Peter besorgt das Ersatzteil und die Mechaniker, die dann kurzerhand am Straßenrand das Teil tauschen. Es ist nun 16 Uhr, bald setzt die Dämmerung ein. Wir wissen nicht ob wir es noch am selben Abend nach Hause schaffen. Die unbeleuchteten Straßen mit ihren Schlaglöchern sind tückisch.
Eigentlich wollten wir mit dem Team zu Abend essen. Wenn Violet Gladzon, Köchin bei GoodVision Malawi, zum Essen ruft, kommen meist alle zusammen. Ihre Küche ist so etwas wie das Herz des Büros. An diesem Abend fällt für uns das gemeinsame Essen aus. Wir erreichen Lilongwe zu spät, aber sicher, dank Peter.
Am Ende des Weges
Dieser Besuch hat mir gezeigt, wie viel es braucht, damit ein Kind in Malawi augenmedizinisch versorgt werden kann, was GoodVision Malawi bereits dafür tut und was noch getan werden kann - die Liste von Dr. Misanjo dabei fest im Blick. Unser Team fährt dorthin wo es gebraucht wird, wo es keine augenoptische Versorgung gibt. Ohne seinen Einsatz würden viele Familien den Weg nach Blantyre nie finden.
Was mich zusätzlich beeindruckt hat: Das Team von GoodVision Malawi hat die Zahl der ausgegebenen Brillen innerhalb eines Jahres mehr als verdoppelt – und das mit demselben Budget. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Es ist das Ergebnis von Menschen, die ihr Land kennen, die nicht aufgeben, wenn etwas nicht funktioniert, und die jeden Tag neu herausfinden, wie sie mehr Menschen erreichen können.
Für mich sind diese Reisen sehr wertvoll. Sie geben mir die Möglichkeit, zuzuhören, zu verstehen und von den Menschen vor Ort zu lernen. Viele Zusammenhänge und Bedürfnisse lassen sich aus der Distanz in Europa nur schwer erfassen. Die Erfahrungen und das Wissen, die ich vor Ort mitnehme, helfen uns, gemeinsam nachhaltige Konzepte zu entwickeln, die wirklich zum Land und zu den Menschen passen.
Text: Esther Holsten

Nachhaltiger Impact entsteht nicht, wenn man fertige Lösungen aus Europa mitbringt und versucht, sie irgendwie passend zu machen.










